Digital Humanities brauchen eine Informationsinfrastruktur, die es erlaubt, Daten in eigenen
Umgebungen zu vernetzen und weiter zu nutzen. Der Zugriff auf die Daten stößt jedoch dort schnell auf
Grenzen, wo Schutzwürdige Interessen wie Urheber- oder Persönlichkeitsrechte berührt sind. Um nicht
hinter den Möglichkeiten, die Digital Humanities Verfahren bieten, zurückbleiben zu müssen, ist eine
dauerhafte und einheitliche Infrastruktur erforderlich, die Schutzrechte wahrt und zugleich die flexible
Nutzung der Digitalisierungsdaten in verschiedenen Tools und Anwendungsplattformen ermöglicht.
In der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung wurde deshalb der virtuelle Sonderlesesaal
eingeführt, der auch die individuelle Online-Bereitstellung von geschütztem Archivmaterial ermöglicht.
Er wurde auf Basis der vorhandenen, für gemeinfreie Publikationen optimierten
Digitalisierungsinfrastruktur realisiert. Für die Konfiguration differenzierter Zugriffsberechtigungen
wurden die Systeme moderat weiterentwickelt und der Workflow auf die neuen Anforderungen der
Wissenschaft ausgerichtet. Dadurch kann die bildungshistorische Forschung jetzt auf digitalisierte
Quellen aus Bibliothek und Archiv, Open und Closed Access, über dieselben Kanäle in denselben
Formaten zugreifen und sie in ihren digitalen Arbeitsumgebungen verarbeiten, annotieren und
analysieren.

Bei der Erweiterung des Portals für Archivmaterial wurden die kürzlich publizierten Neufassungen der
Anwendungsprofile für METS und MODS, Version 2.3 berücksichtigt. Dadurch wurde die Transformation
der Erschließungsdaten aus der Archivdatenbank nach MODS weitgehend verlustfrei möglich. Für die
Nutzer/innen hat das den Vorteil, dass die für sie unbequeme und nicht immer nachvollziehbare
Trennung von gedruckten wie Originalquellen digital aufgehoben ist. Der Einsatz von Digital Humanities
Verfahren und Tools bezogen auf Metadaten und Bilddateien wird damit für den ganzen Quellenbestand
ohne Systemwechsel ermöglicht.

Unsere Infrastruktur unterstützt standardmäßig das International Image Interoperability Framework
(IIIF). Die für uns in diesem Zusammenhang wichtigste Funktion ist, dass das Digitalisat bzw. die
Bilddatei auf dem Server verbleibt und durch ein „Fenster“ in anderer Umgebung angezeigt werden
kann. Hochaufgelöste Ansichten und stufenloser Zoom ermöglichen auch in der virtuellen
Forschungsumgebung intensives Arbeiten an den Quellen. Neben der IIIF-API stellen wir die aus
Bibliothekskatalog- und Archivdatenbank nach METS/MODS-Konvertierten Metadaten selbstverständlich
über eine OAI-Schnittstelle zur Verfügung.

Dadurch wird die Barriere zur Transformation digitalisierter Quellen in Forschungsdaten durchlässiger.
Die digitalisierten, historischen Quellen und die auf sie bezogenen Metadaten können direkt in
Forschungsumgebungen weiterverwendet werden. Dabei bleibt durch die persistente Bereitstellung
eindeutig referenzierbarer digitaler Objekte der Bezug zum Original erhalten und die Nachweiskette für
die Forschung gesichert und nachvollziehbar.

Die beschriebene Infrastruktur bewährt sich derzeit in einem Projekts zur Erforschung historischer
Abiturprüfungen. Anhand dieses Anwendungsfalls, bei dem digitalisierte historische Abiturakten in der
virtuellen Forschungsumgebung Semantic CorA genutzt werden, veranschaulicht der Vortrag die
Einrichtung und Praxistauglichkeit der Digitalisierungsinfrastruktur als Digital Humanities Service.


Lars Müller
Informationsmanagement Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF) des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF)