Im Projekt „Autorenlesungen – Digitalisierung, Archivierung und Präsentation von Dokumentaraufnahmen deutschsprachiger Autorenlesungen“ am Deutschen Literaturarchiv werden Tonträger aus sechs verschiedenen Sammlungen und Nachlassen aus den eigenen Beständen digitalisiert, bibliothekarisch und wissenschaftlich erschlossen sowie online zur Verfügung gestellt. Das Projekt wird seit November 2017 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Die getroffene Auswahl von ca. 1000 Tonträgern ist als Querschnitt der Marbacher Sammlungstypen und als exemplarisch für die archivarische Überlieferung von nicht kommerziell mitgeschnittenen Autorenlesungen anzusehen. Die Sammlungen der ehemaligen Stuttgarter Buchhandlung „Hoser’s“ und des Goethe-Instituts Amsterdam repräsentieren dabei im weiteren Sinne die literarischen Veranstaltungsprogramme von Kulturinstitutionen, wobei sich kulturpolitische und ökonomische Kriterien in der Auswahl der Autoren abbilden. Die Sammlungen der Verlage Suhrkamp und Wagenbach repräsentieren zum einen die Veranstaltungstätigkeit von Verlagshäusern, etwa bei Kritikerempfängen oder öffentlichen Lesungen, führen aber zum anderen in die Audioproduktion der Verlage selbst, etwa in Gestalt der Masterbänder für Schallplatten oder Tonbänder mit ausgeschiedenen Aufnahmeresten. Die Audio-Nachlässe von Hilde Domin und Oskar Pastior schließlich repräsentieren die von den Autorinnen und Autoren selbst angelegten Dokumentationen des eigenen Leselebens, wobei sich im Fall von Oskar Pastior eine mediale Verschiebung des literatur- und mediengeschichtlich etablierten, hierarchischen Verhältnisses von aufgezeichnetem Text und aufgezeichneter Stimme ankündigt.
Die bewusste Heterogenität der Sammlungen korrespondiert mit einer Heterogenität der Quellentypen, die in ihrem jeweiligen, einzigartigen Charakter umrissen werden sollen. Da es sich dabei meist um unikale Dokumentaraufnahmen handelt, besitzen die im Projekt erschlossenen Quellen einen anderen Wert als z. B. durch den Hörfunk produzierte Dichterlesungen. Indem die professionelle Aufnahmeumgebung meist fehlt, entsteht ein je orts- und zeitspezifischer Äußerungskontext, der etwa in Publikumsgesprächen eine spontane Sprechhaltung der Autorin oder des Autors hervorruft. In solchen ungeplanten Äußerungen, aber auch im Verlesen, Stocken oder Abbrechen der Darbietung erzeugen die Aufnahmen Bedeutungspotenzial, das so keine andere Quellengattung besitzt: Was lässt sich hören, das sich nicht lesen lässt? Was archivieren wir, wenn wir Stimmen archivieren?
Neben solchen grundierenden mediengeschichtlichen Überlegungen möchte der Vortrag das Projekt, die zugehörigen Sammlungen und die im Umgang mit den Dokumenten notwendigen Arbeitsschritte beschreiben. Fragen der Digitalisierung und Katalogisierung sollen dabei nur am Rande berührt, Fragen der inhaltlichen Erschließung und der Verzahnung wissenschaftlicher Recherche mit der Klärung und Einholung der Urheberrechte des jeweiligen Tondokuments hingegen stärker gewichtet werden. Solche Fragen müssen natürlich im Kontext der free-culture gestellt werden; verwandte internationale online-Projekte wie ubu.web oder PennSound dienen dabei als Vergleich.

Lorenz Wesemann
Deutsches Literaturarchiv Marbach